Diego Castro, Künstler und Kritiker, spricht am 15. Oktober 2008 in der Kunsthalle Mainz anlässliche der Ausstellung km 500 über:
Stoffarmut: Kunst auf turkey. Bildnis des Künstlers als Voluntarist zwischen Partizipation, politischer Repräsentation und Prekariat.
Nirgendwo sind die Ungleichheiten des Lohnniveaus größer und nirgendwo sonst werden diese Diskrepanzen leichter hingenommen als in der Kunst- und Kulturbranche. Diese Gegensätze stellen sich dar als eine Art Naturgesetz, dem man ebenso wenig entweichen kann, wie den sich auf gleiche Art als Naturgewalt präsentierenden Geboten neoliberaler Wirtschaftslogik. Der Kultur-Arbeiter profitiert überproportional von den vermeintlichen neuen Freiheiten neoliberaler Arbeitsethik. Werte wie Flexibilität, verflachte Hierarchien, Selbstbestimmung durch Eigenverantwortung, lebenslanges Lernen oder Karrieresprünge hören sich an wie die Erfüllung paradiesischer Zustände in einem sozialen Utopia der Selbstverwirklicher. Die Schattenseite sind prekäre Beschäftigungs- und Arbeitsverhältnisse, sowie die Verfestigung der Ungleichheiten, welche sich ebenso wie in anderen Arbeitsbranchen, auch im Kultursektor etablieren. Ein weiteres Problem ist die Auflösung der Fähigkeiten zu künstlerischer Kritik oder gar zum Widerstand. In der Folge reproduzieren nicht nur diejenigen Institutionen, die sich strukturell am neuen Geist des Kapitalismus ausrichten, dessen Logik und Ideologie. Die Künstler selbst sind gefangen in einer Dialektik, die einerseits vom prekär destabilisierten Künstler eine praktische Akzeptanz des Systems, andererseits von ihm eine Affirmation, nicht nur des Kunstmarktes, sondern des gesamten kapitalistischen Systems einfordert. Der mittlerweile zum Klassiker gewordene Effekt, dass die Institutionskritik irgendwann von den Institutionen vereinnahmt wird und somit die Kritik entkräftet, ist aber lediglich ein Seite des Dilemmas. Die repressive Toleranz des Systems wirkt natürlich auch antizipierend auf die Produktionsbedingungen für Kultur. Das bedeutet, dass die normativen Bedingungen, die das System stellt, Basis für einen Selbstdisziplinierungsprozess sind. Was aber ist es, über die erwähnten äußeren Zwänge hinaus, dass den Kultur-Arbeiter (und allem voran den Kunst-Arbeiter) zu solch voluntaristischen Vorstößen in ein kritikfreies Vakuum stürzt? Was treibt ihn zu Formulierungen von Kritik, die gar keine sind, da sie erwartungsgemäß nur das formulieren, was das System zu gewähren bereit ist? Oder aber zu einer Kritik, die sich aufgrund ihrer Kompromittierung mit dem offiziellen Diskursapparat, von selbst diskreditiert?
Als einer der Gründe kann sicherlich die integrative Mächtigkeit von Markt und Institutionen gesehen werden. Ein anderer Grund ist mit Sicherheit (trotz nie da gewesener Möglichkeiten der Vernetzung und Publikation) die konsequente Nichtbeachtung und (Selbst-) auflösung avantgardistischer Gegenkultur. Hierbei sind es vor allem neoliberale Diskurse in den Institutionen und Organen der offiziellen Kunst, welche die Möglichkeit, die Notwendigkeit oder die schlichte Existenz von Avantgarde ständig negieren, es sei denn sie kann integriert werden und die eigene Exklusivität repräsentieren. Es wird hier nicht nur das endgültige Ende der Avantgarden behauptet, sonder im selben Atemzug die Demokratisierung der Kunst: Relationelle Ästhetik und spektakuläre Programme betonen eine vermeintliche Enthierarchisierung der Kunst. Die Künstler und Kuratoren dieser anti-elitären Strömung formulieren und gestalten die Ausstellungspraxis so, dass eine Kritik von vornherein unangebracht scheint. Trotz alledem besteht die Ungleichheit weiter. Sie lässt sich nicht von der Hand wischen. Diese zu thematisieren ist aber eine Provokation, zu der es in der Regel nicht kommt. Es scheint, als würde eine unsichtbare Macht den Kunst-Arbeiter davon abhalten, seine Ansprüche zu formulieren. In einer Mischung aus Disziplinierung und Selbst-Disziplinierung wird jede wirksame Kritik am kapitalistischen System ausgeblendet. Dies geschieht, indem die systemimmanenten Repressalien und Ausbeutungen nicht thematisiert oder einfach geleugnet werden. Kritik am System darf zwar geäußert werden, aber nur als jenseitiges oder linguistisches Problem, sprich: Dritte Welt oder Wohlstandsdiskurse wie political correctness. In dem gemachten Bettchen, in das die Künstler sich legen, schwinden scheinbar alle Widerstände, wie die Falten aus der frisch gemachten Bettstatt. Das Resultat sind bürgerliche Betulichkeiten, Klischees und Allgemeinplätze im Gewand der Kritik oder Effekthascherei und Formalismus. Die sich einstellende Stoffarmut ist traurige Wahrheit nicht nur einzelner Kunstwerke oder Ausstellungen. Sie bestimmt das mitunter das gesamte Werk nicht eben weniger Künstler meiner Generation. Warum das so ist, werde ich versuchen in diesem Vortrag zu ergründen.
|