Selbst-Bewusstsein 11.05.2007

Sinnliches Gedächtnis in der Kunst

Das Künstlerhaus Schloß Balmoral und die Paracelcus-Klinik, Bad Ems laden Sie herzlich zu folgendem Vortrag mit anschließender Diskussion ein und bitten um Veröffentlichung:
Samstag, 12. Mai um 19.30 Uhr

Thomas Metzinger, Professor der Philosophie an der Gutenberg-Universität Mainz
Selbst-Bewusstsein an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Psychiatrie (Fallstudien)

und

Ursula Damm, Medienkünstlerin und Gastprofessorin an der Bauhaus-Universität Weimar
Sinnliches Gedächtnis in der Kunst

Moderation Dr. Erich Krausbeck und Dr. Danièle Perrier

Thomas Metzinger befasst sich vorwiegend mit der Philosophie des Geistes und setzt sich mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften auseinander. Daraus leitet er „eine Theorie der Selbstmodelle ab, die die Einheit und Reflexivität unseres Bewusstseins erklären soll, ohne dabei eine unplausible Metaphysik zu vertreten.“ (Wikipedia) Demzufolge soll unsere Subjektivität, die Ich-Perspektive, eine Selbstspiegelung und aus rein naturalistischen Phänomen erklärbar sein. Wenn dem so ist, bedeutet dies Abschied nehmen von der Trennung von Leib und Seele und somit auch von der Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod oder noch der Seelenwanderung. Damit werden Jahrhunderte lang tradierte Wertevorstellungen und Bilder obsolet. Allesamt Mythen? Welches Bild stellt sich ein? Entsteht dabei ein neues Menschenbild?

Die Möglichkeit der Entwicklung von Selbstmodellen kann bedrohlich sein und zugleich als große Chance wahrgenommen werden, ganz andere Lebensschemata auszudenken.

Zu jeder Zeit hat sich die Kunst mit den neuesten wissenschaftlichen, soziologischen und philosophischen Erkenntnissen auseinander gesetzt und die unterschiedlichsten Perspektiven aufgezeigt. Ein Bereich, der dafür prädestiniert erscheint, neue Selbstmodelle zu entwickeln, ist die Medienkunst. Hier kommt es zu einer Verquickung von realem und virtuellem „Raum“, der als Handlungsraum oder auch als Architektur dient, in dem sich echtes Leben und fiktives begegnen und gegenseitig bedingen.

Die Medienkünstlerin Ursula Damm, die zum Dialog mit Thoamas Metzinger ausgesucht wurde, befasst sich mit den neuronalen Netzen, die sich durch Bewegungsabläufe aufbauen, und entwickelt daraus mittels der Neuen Technologien Biosysteme. Diese sind dem realen Leben nachempfunden und können vom Betrachter manipuliert werden. Oft geht es dabei um die Frage, wie sich das Kollektiv aus vielen Einzelnen entwickelt und durch deren Handlungen neue Formen annimmt. Bei anderen Medienkünstlern (Bernd Lintermann) kann eine simple Handbewegung eine Installation, die in Tausenden Kilometer Entfernung steht, beeinflussen. Das heißt, dass eine bestimmte Hand, mit ihren einmaligen Merkmalen, ein kollektiv erfahrbares, virtuelles Raumvolumen verändert. Entscheidend erscheint mir dabei, dass die einzigartigen biologischen Merkmale einer bestimmten Person eine Form verändern können, ohne dass diese Person das „Wie“ der Veränderung willentlich entscheidet. (ohne der willentlichen Entscheidung dieser Person in bezug auf das „Wie“ der Veränderung.) Ihr einziges Zutun dazu reduziert sich auf die Entscheidung ihre Hand auf einen Sensor zu legen. Was dabei ausgelöst wird erfährt die handelnde Person mit den anderen Betrachtern. In diesem Falle könnte man sagen, dass seine Ich-Perspektive – wenn es sie gibt – mit der dritten Person, also der objektiven Wahrnehmung, zusammen trifft.
Eine andere Annäherung an die Entwicklung von Selbstmodellen wird mit der fiktiven Annahme selbst gewählter Identitäten im Netz angesprochen. Doch was unterscheidet dieses andere „ich“ im Netz von den realen Lebensformen? Werden hier nicht einfach Lebensformen kreiert nach den bekannten Mustern?

Noch nie waren wir so nahe an die Realisierung des lebenden Konterfei. Doch haben sich mit der Technisierung der Utopie der lebenden Skulptur neue Lebensmodelle entwickelt? Selten reflektiert z. B. die Filmwelt die hier angesprochene Spiegelung des Selbst wie in Matrix. Das trifft witzigerweise auch auf eine Zeichnung von Ursula Damm zu, in welcher „der Weg zwischen „ich“ und „ich“ als transparente, miteinander verbundene Netze dargestellt wird.

Wenn die Philosophie einen „neuen Menschen“ postuliert, so müssten Vorschläge seitens der Kunst zu erwarten sein, und zwar nicht nur in der hier im Fokus gestellten Medienkunst, sondern auch in allen Bereichen der künstlerischen Produktion. Hier hat sicher auch die Arbeit von einer Elayne Sturtevant mit ihrer Appropriation art die Bilder malt nach anderen Künstlern und somit die Frage der Autorschaft und der Authentizität hinterfragt, ihren Platz.

Wir freuen uns auf ein reges Gespräch


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