Mai 2005

Rhein-Lahn-Zeitung, Di. 31. Mai 2005, S. 19

Von verblüffender Wirkung

Dokumentation im Schloss Balmoral beeindruckte und fesselte Zuhörer

BAD EMS. Es muss ein immenser Aufwand gewesen sein, mit dem die Künstlerin Barbara Wille Ende der 90er Jahre an ihrem Berliner Projekt gearbeitet hat. Der Titel: "Schnitt/Stelle - Tomografie eines Baumraums". Im Künstlerhaus Schloss Balmoral präsentierte die Stipendiatin diese und andere Arbeiten in einer groß angelegten und mit Dias unterlegten Dokumentation.
Zunächst ein Schnittbild aus Bad Ems, die Tomografie eines Stuhlbeins. "Der Stuhl betrachtet sich selbst", sagt die Künstlerin mit Verweis auf die Wand-Intarsie aus einem seiner, jetzt in Scheiben geschnittenen Beine (das Objekt ist ausgestellt). Dann, im Dia, die Akademie der Künste, der Adressat des Projekts, ein Gebäude-Schnitt. Eingeblendet Schnitte aus der Trick-Kiste ("zersägte Jungfrau") oder virtueller Art (Computer-Tomografie). "Ich arbeite mit echten Schnitten", so Wille, "speziell mit dem Zersägen von Ästen". Eines der instruktiven Dias zeigt die spiegelbildlichen Schnittflächen einer Astgabel: Der Schnitt führe "aus Einheit in Zweiheit". Eine zweiteilige bildartige Arbeit aus Kistenholz macht dieses Prinzip begreifbar.
"Bild ist auch Körper"
Und die nächste Arbeit zeigt die verblüffende Wirkung, wenn eine Baumkrone erst ab Schnittfläche sichtbar wird, und zwar in der Form ihres natürlichen Wuchses. Im Gegensatz dazu hat bei der im Erdgeschoss gezeigten Arbeit das Kronenfragment einer Eiche seine räumliche Erscheinung eingebüßt. In Stücke zerschnitten und in Kästchen sortiert, mit einem Kennzeichnungssystem versehen, erscheinen die Teile jedoch rückführbar in die Ganzheit ihrer geprägten Form. "Bild ist gleichzeitig auch der Körper", erläutert Barbara Wille weitere Arbeiten als Manifestation von Zeit und Raum. Sie wolle "Zeiträume über Natur dokumentieren", sagt die Künstlerin und zum Ziel ihres Berliner Projekts: "Baumschnitt im Kontext der Architektur Behnischs".
Eindrucksvoll, ja fesselnd die umfassende Dokumentation dieser Arbeit: Die Rekonstruktion der Zeitgeschichte am Brandenburger Tor/ Pariser Platz mit einem Blick auf die Interimsbepflanzung mit Linden - "Bäume als Platzhalter" späterer Bebauung - , die Fokussierung auf eine dieser Linden und die Ausführung des Schnitts ohne den Baum zu fällen. Die Zuhörer im Schloss Balmoral bedankten sich sehr herzlich. Karl Haxel

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 02.05.2005, Seite 12.


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