August 2005

Thiel verband Privat- und Berufssphäre

Balmoral-Stipendiat "04 präsentierte im Künstlerhaus vor zahlreichen Besuchern "Cut-out"-Arbeiten

BAD EMS. Einen schöneren Titel für eine künstlerische Arbeit wird es kaum geben als den, den Stefan Thiel für sein Werk gefunden hat. "Ich Liebe meine Galeristin", nennt der junge Künstler seine Arbeit, die er jetzt im Künstlerhaus Schloss Balmoral Bad Ems im Rahmen der Serie "Kunst live" zahlreichen Besuchern präsentierte.

Von Geschäftsführerin Danièle Perrier für ein dem Künstlerhaus geschenktes Werk ("Zwei Bäume im Kurpark") aus der Zeit seinesStipendiums 2004 in Bad Ems bedankt, erläutert Stefan Thiel zunächst die Mittel und den Ablauf der Präsentation: Es wird eine Projektion mit zwei Dia-Projektoren geben, eine fotografisch gewonnene Bildsequenz, die Privat- und Berufsspähre durch Gleichzeitigkeit verbindet, "indem eines auf das andere einwirkt". Aus einem Teil der Vorlagen hat Thiel Scherenschnitte entwickelt, "Cut- out"-Arbeiten von prägnanter Schärfe. Zu der doppelt projizierten Bilderfolge kommt ein Text vom Tonband, gesprochen von Klaus Theweleit, dem Autor, der zeigt, "wie Arno Schmidt einen Text entwickelt", so weit Thiel. Ton und Projektion laufen synchron im Sinn einer Entsprechung, einer erkennbaren Analogie. Während die Bilder einem formalen Kanon folgen, schafft Theweleits Texterklärung einen Zusammenhang, einen unmittelbaren Kontakt mit Arno Schmidts Kurzroman "Seelandschaften mit Pocahontas". Seine entscheidende, im Schmidt-Text angelegte Prämisse: "Die Zeiten sind gleichzeitig da, die Zeit ist eine Fläche".

Klar, dass auf dieser Zeit-Raum-Fläche alles projizierbar wird: Der Autor Schmidt in frühere Figuren wie John Smith oder in die Figurenwelt Coopers, aus der die Indianerin Pocahontas kommt. Kein brillanter Unsinn also auf höchster gedanklicher Ebene, genial ertüftelt, sondern Dechiffrierung. Denn Schmidt, das zeigt sich, arbeitet ständig mit Anspielungen, verdeckten Zitaten und Vieldeutigkeiten, so dass der Leser den Sprachspuren wie ein Detektiv folgen muss. Hunderte von Stunden mit Lexika-Nachschlagen muss den literarisch äußerst gebildeten Theweleit diese Arbeit gekostet haben. "Ich habe immer nach Möglichkeiten gesucht, meine Bilder auf der formalen Ebene zu verbinden, zu verschränken", bekundet Stefan Thiel die Wesensverwandtschaft zwischen der zeit- und raumdurchlässigen Dechiffrierung des Arno-Schmidt-Werks "Seelandschaften mit Pocahontas" und seiner Arbeit.

Karl Haxel

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 04.08.2005, Seite 12.


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