März 2004

Formalistischer Blick auf heimische Natur

Formalistischer Blick auf heimische Natur

Mit dem Scherenschnitt definiert Stefan Thiel neue Räume - Ausstellung wird am 1. April eröffnet

BAD EMS. Stefan Thiel ist ein waschechter Berliner - und Künstler. Seit Mitte Februar gehört er zu den Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral.

"Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Berlin verlasse, um in der Provinz zu leben. Bisher gefällt es mir hier sehr gut. Die Bad Emser sind so offen, nett und hilfsbereit", schwärmt der 38-Jährige. Die Eindrücke, die er in der Region sammelt, unterscheiden sich sehr von dem, was der Künstler aus der stinkigen Millionenstadt kennt. "In Berlin werde ich von Autolärm geweckt, hier ist es Vogelgezwitscher", erzählt Thiel lächelnd. Aber schließlich habe er es sich ja ausgesucht, und es sei auch gut so.

Es ist das erste Stipendium, das Thiel, ehemaliger Student an der Berliner Hochschule der Künste, bekommen hat. "Ich war hocherfreut, als ich erfuhr, dass es geklappt hat. Das Stipendium ist ausgezeichnet für mich, weil es mir erlaubt, sehr intensiv zu arbeiten", berichtet der Künstler. Dadurch, dass er völlig den Problemen des Alltags enthoben sei, würde er viel konzentrierter ans Werk gehen, fügt er hinzu. Und gerade die Konzentration spielt in Thiels Schaffensprozess eine ganz große Rolle. Seit geraumer Zeit hat er sich dem Scherenschnitt verschrieben. Ihm geht es allerdings nicht darum, biedermeierlich dekorativ zu arbeiten, seine Werke beschäftigen sich mit dem "Davor" und mit dem "Dahinter" des Bildes.

"Ich schneide die Oberfläche auf. Dadurch wird die Grenze zwischen außen und innen durchbrochen und ein neuer Raum definiert", erklärt Thiel. Eine minutiöse Angelegenheit, die mit dem Schuss eines Fotos beginnt. Auf der Suche nach Motiven war der Künstler bereits in Bad Ems mit seiner Kamera unterwegs. Einmal ist er sogar mit dem Rad bis nach Koblenz gefahren. "Die Diaaufnahmen, die ich mache, dienen mir als Vorlage", sagt der Künstler. Ist das Foto im Kasten, wird es auf Papier projiziert, nachgezeichnet und in aufwändiger Kleinstarbeit (auseinander-) geschnitten.

Ganz im Sinne des Formalismus geht es ihm um den Raum - die Einbindung der sozialen Komponente lehnt er völlig ab. Auch Farben sind in seinen Werken nicht zu finden, Thiel setzt auf das binäre System in Schwarz-Weiß. Seine Themen sind vielseitig, in Bad Ems wird es vor allem die Natur sein, die sein Interesse auf sich zieht. Grüne Misteln sowie der verschneite Kurort, den er während seines Aufenthaltes schon erlebt hat, haben Thiel bereits inspiriert.

Bis Dezember, Ende seiner Zeit im Künstlerhaus Schloss Balmoral, wird er die Region noch zu allen Jahreszeiten entdecken und die Schönheiten ihrer Natur sicherlich in sein bildnerisches Konzept integrieren.

Interessenten, die neugierig auf die Kunst des formalistischen Scherenschnitts geworden sind, haben die Möglichkeit, Thiels Arbeiten kennen zu lernen: Am Donnerstag, 1. April, 18.30 Uhr, wird eine Ausstellung mit Werken des Künstlers im Laden Nummer fünf, Römerstraße, eröffnet. Die Exponate werden bis Samstag, 8. Mai, zu sehen sein. Silke Müller

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 31.03.2004, Seite 19.

Balmorals Neue wärmen sich auf

Balmorals Neue wärmen sich auf

Am vergangenen Freitag war großes Kennenlernen in der Villa angesagt

Die Neuen sind da: Sieben Stipendiaten von drei Kontinenten werden für die nächsten zehn Monate im Künstlerhaus Schloss Balmoral arbeiten, ihre Werke unter anderem im Laden Nummer 5 der Kurkolonnaden präsentieren. Warming up (aufwärmen) hieß es am Freitagabend in der Villa, und das war durchaus wörtlich zu nehmen.

BAD EMS. Hell erleuchtet präsentiert sich das Künstlerhaus Schloss Balmoral in Bad Ems am Freitagabend. Noch immer ist der Weg zur geschichtsträchtigen Villa beschwerlich, da von der riesigen Baustelle der Umgehungsstraße geprägt. Dennoch haben ihn viele Neugierige gefunden und im Prinzip kamen sie nur wegen ihnen: Mohamed Abdulla, Bea Emsbach, Parastou Forouhar, Gabriela Eugenia Golder, Pfelder, Diego Schindler-Castro und Stefan Thiel. Sie nämlich sind die sieben neuen Stipendiaten, die gebürtig aus Asien, Südamerika und Europa kommen.

Im Künstlerhaus werden sie für die nächsten zehn Monate leben und arbeiten. Die sieben müssen keine Miete zahlen. Kost und Logie sind frei, zudem gibt es noch einen monatlichen Zuschuss von 1240 Euro. Nicht nur deshalb sind Stipendien im Balmoral begehrt: Keine Existenzängste mehr haben, den Kopf für kreative Ideen frei kriegen, das werde den Künstlern in der Villa ermöglicht, erzählt ein Stipendiat aus Berlin beim Warming up.

Solche oder andere Gespräche wurden geführt am Freitag. Es war der Abend des Beschnupperns. Freunde und Förderer des Balmorals oder einfach Neugierige sollten kommen, schauen, was dort droben in der Villa so geschieht. Und sie kamen und sahen sich einige der bisherigen Arbeiten der Stipendiaten an: Ein Tarnnetz aus Papier im oberen Geschoss, im Atelier gleich nebenan eine Videoinstallation, ein Stockwerk tiefer und auf den Treppenabsätzen Daumenkino der kritischen Art und im Foyer ein großer, gasbetriebener Heizstrahler - klar, warming up, aufwärmen eben.

Doch nicht alles war warm an diesem Abend. Kühlere Gedanken beschlichen wohl Danièle Perrier, Geschäftsführerin des Balmorals, als sie die Gäste begrüßte. "Ich hoffe, wir werden gut überleben", war eine Aussage, die nicht gerade auf strahlenden Optimismus schließen lässt. Das Geld wird knapp, auch im Balmoral, das Land will sparen, auch am Balmoral. Daher steht hinter den geplanten Projekten, wie etwa einer Stipendiaten-Ausstellung in Berlin, auch noch ein kleines Fragezeichen.

Deutlicher als Perrier wurde Elisabeth Sauer-Kirchlein vom Freundeskreis Balmoral 03. In Anlehnung an ein Brecht-Gedicht mahnte sie: "Sägt nicht auf dem Ast, auf dem ihr sitzt". Und noch deutlicher: "Wir hindern sie am Sägen". Klare Bekenntnisse des Freundeskreises - einige Mitglieder von Balmoral 03 fürchten gar, dass die Einrichtung geschlossen werden könnte - für die Förderung der Künste im Land. Und bei allen Sparplänen, wird man am Balmoral 03 nicht vorbeikommen. "Behindern Sie das Sägen", rief Sauer-Kirchlein den Besuchern dann auch zu und versicherte den Künstlern Solidarität und Unterstützung. Marco Pecht

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 15.03.2004, Seite 12.

Wilde, aber perfekte Klänge im Balmoral

Wilde, aber perfekte Klänge im Balmoral

Hugo Monden begeisterte im Künstlerschloss

BAD EMS. "Mit krassen Gegensätzen äußerster Gewalt und leidenschaftlicher Zartheit" - so lautet eine Spielanweisung im dritten Prelude "La puerta del vino". Und dies beschreibt auch das Klangerlebnis, das sich den Gästen im Saal des Bad Emser Künstlerschlosses Balmoral bot. Dr. Daniele Perrier begrüßte den Künstler Hugo Monden und freute sich, dass auch ihre neuen Stipendiaten das Konzert mit erleben konnten.
Wer bei Debussy träumerisches Geplätscher und verspielte Indifferenzen erwartet hatte, wurde von einer prägnanten, imposanten und konzentrierten Interpretation überrascht. Der 1936 geborene Pianist Hugo Monden hätte auch leicht den Marmorsaal mit tönender Emotion erfüllen können. Wild, schnell, scheinbar chaotisch und doch stets perfekt und genau durchstrukturiert erklangen die "Wasserspiegelungen". Versunkene Tempel und tanzende Feen in der musikalischen Malerei Debussys eroberten das Ohr der Zuhörer.
Das zweite Dutzend "Preludes" und die "Images" fegen in siebzig Minuten auswendigem und makellosem Klaviervortrag durch den Saal. Dem begeisterten Publikum bietet Monden mit "Clair de lune" und einer Arabeske Debussys noch zwei eingängigere und bekanntere Zugaben, in denen er auch einmal ein ruhiges entspanntes Piano zulässt.
Umgeben vom hoch verdienten Applaus verabschiedet sich der in Antwerpen geborene Künstler mit einer kraftvollen Interpretation der belgischen Nationalhymne "bercense heroique". "Wahnsinn, diese Kraft", fasst spontan anerkennend Karl W. Scherer aus Lahnstein den überwältigenden Vortrag Mondens zusammen. Martina Kissel-Staude

Rhein-Lahn-Zeitung - Ausgabe Bad Ems, Lahnstein vom 02.03.2004, Seite 18.


Druckbare Version

April 2004