"OK!"
Eine Foto-Serie in drei Abschnitten zum aktuellen gesellschaftlichen Wandel in Rußland (Text b. gehört zu den ausgestellten Werken beim 2.Berliner Kunstsalon)
Einleitung: "OK". Einfacher könnte man eine Supermarktkette kaum nennen. Noch dazu suggeriert der Name schon die Haltung zum Konsum. So geschehen von einer Moskauer Investoren-Gruppe, die letztes Jahr die Supermarktkette "O'KE?" in St.Petersburg in Rußland eröffnet hat. Und -OK!- finden das viele Leute - das auch ein typisch russisches Phänomen?! - Bis vor kurzem wohl kaum. Da hätten sich die neureichen Russen noch gefragt, für wen oder was so ein Riesenmarkt mit fast 50 (besetzten!) Kassen pro Markt gut sein soll. Im Stil erinnern diese Hypermärkte an ihre französischen Pendants "Carrefoure", "Geant" oder "E.Leclerc". Zu "O'KE?"gesellen sich in St.Petersburg noch die zweite Hypermarktkette "LENTA", die aus dem Norden des Landes kam und die gehobene finnische Kette "CIVA" - Terrain der Neureichen. Aber wer kauft in den Hypermärkten ein? Woher kommt das Geld? Woher die Leute? Hier ist das eigentliche Wunder zu finden. In russischen Großstädten - z.B. in St.Petersburg, der zweit größten russischen Stadt - ist eine breite Mittelschicht entstanden, die genug Geld verdient, um sich die Einkaufskörbe auch mit westlichen Produkten randvoll zu schmeißen. Kleinere Supermärkte gibt es natürlich auch schon länger in St.Petersburg. Outete man sich früher noch mit exzessivem Kaufverhalten und trug zudem noch einen auffällig teuren Pelzmantel, hat sich das Blatt jetzt total gewendet. Gerade die einfachen, vielleicht auch armen Menschen fallen in den Hypermärkten besonders ins Auge - sie sind eindeutig die Ausnahme, oder wußten sie sich nicht richtig zu verkleiden? Mit Hilfe von westlichen Firmen und einem erstarkten Markt haben sich viele Russen mit neuen Jobs aus dem Sumpf gezogen. Dazu gehört natürlich eine extreme Opferbereitschaft - vielen bereitwilligen Arbeitern und Angestellten fehlt vor allem die Freizeit. Die Arbeit wird Teil der Familie, was dem Firmenverständnis sehr zugute kommt, weil "familiär" sind die Geschäftsverbindungen ohnehin. Allerdings nicht mehr so Mafia durchzogen wie noch vor einigen Jahren. Ein neues Steuergesetz hat quasi den Staat mehr zum Kontrolleur gemacht. Von rechtlicher Handhabung kann man da zwar nicht sprechen, aber zumindest wurden gewalttätige und kriminelle Machenschaften scheinbar eingedämmt. Rußland kann durchstarten. Dollars und Euros verdienen, und in Form von Rubel die Supermärkte bereichern. Verstehen tut man das von außerhalb eigentlich gar nicht. Die Leute selbst machen sich wohl erst recht keine Gedanken, so lange sie mit von der Partie sein können. "OK!" entstand im Januar 2005 auf einer Reise nach St.Petersburg unbewußt als Reaktion auf diese neuen Verhältnisse in Rußland und teilt sich in drei Projekte fotografischer Natur.
a. "Konsum-Spionage" Mit dem Teleobjektiv aus dem auf dem Supermarktparkplatz geparkten Auto entstanden Aufnahmen von Autos, Autoschlangen, Gassen durch geparkte Autos, EinkäuferInnen beim Einpacken, Ein- und Aussteigen, Wegfahren, Telefonieren, Bier trinken oder Einkaufswagen schieben. Die Aufnahmen vom Rücksitz des Autos aus sind teilweise unscharf und trüb, da sie durch verdreckte Autoscheiben gemacht wurden. Sie besitzen einen stark voyeuristischen Ausdruck, obgleich doch nur sehr alltägliches gezeigt ist. Eine Detektivarbeit auf der Suche nach etwas - keiner Person, keinem Gegenstand, einem Zustand - genau genommen nach "nichts". Ebenso flüchtig und erspähend entstanden Aufnahmen im Vorbeifahren an den Supermärkten und in den Supermärkten selbst. Blitzschnelle Aufnahmen, die trotz ihrer Spontanität dazu führten, daß das Sicherheitspersonal vor Ort zu sofortigem Einhalt gebot.
b. "Wohlstands-Porträts" Mit dem steigenden Wohlstand in Rußland, vor allem dem der Neureichen, gibt es auch immer mehr Immobilien-, Design - und Einrichtungsmagazine, die auch in den Supermärkten zu kaufen sind, und sich großer Beliebtheit erfreuen. Darin werden hauptsächlich Aufnahmen der äußerst luxuriösen Wohnungen und Häuser gezeigt, die von namhaften oder auch jungen russischen DesignerInnen eingerichtet wurden. Üblich für jeden Supermarkt - ein Prospekt - , in dem Angebote offeriert werden. Dazu gehört bei "O'KE?" auch Kleidung - "Normalo-Kleidung" getragen von "Normalo-Modells". Die Abbildungen dieser Frauen, Männer und Kinder habe ich ausgeschnitten und in die besonders luxuriösen Wohnungen und Häuser aus den Lifestyle-Magazinen eingefügt. ("Quasi dem neuen Traum auf direktem Weg stattgegeben"). So entstehen befremdliche Situationen, die nur auf den zweiten Blick merkwürdig aussehen, weil oberflächlich ein Porträt eines glücklichen und stolzen wohlhabenden Menschen entstanden ist. Man geht der Collage bei genauerem Hinsehen auf den Grund, weil kein Computer benutzt wurde, um die Schnittkanten unauffällig, und damit die Illusion perfekt zu machen.
c. "Sta(a)tussymbole" In einem russischen Spielzeuggeschäft habe ich Modellautos der Luxusmarken "Hummer" und "Lamborghini" im Maßstab 1:18 und 1:24 gekauft. Bei Stadtfahrten habe ich die Standorte von Gebäuden, die durch ihre Architektur und Embleme den alten sowjetischen Charme besonders zum Ausdruck bringen, ausfindig gemacht. Die Modellautos der Luxusmarken habe ich neben der Straße auf dem Bürgersteig so platziert, daß sie sich möglichst echt in das Gesamtbild vor den typischen Hintergrundgebäuden einfügen und zu scheinbar realen Objekten des dargestellten Bildes werden. Durch eine leichte Unschärfe im Vordergrund und durch die extreme Bodenperspektive der Aufnahme entstehen so tatsächlich typische Verkehrs-aufnahmen. Der extrem breite Luxus-Jeep der Marke "Hummer", hier in der Ausführung als "Hardtop", ist häufig im Straßenbild von St.Petersburg zu finden. Von Anfang an seit der Öffnung zum Westen, existierten westliche Luxusmarken auffällig im Stadtbild. Die "Bosse" fuhren zunächst die dicksten Mercedese, in tiefem schwarz mit getönten Scheiben und parkten mitten auf dem Nevsky Prospekt, der Haupt-einkaufsmeile im Stadtzentrum. Wer so ein Auto besitzte, mußte sich an keine Verkehrsregeln halten und trug seine gesellschaftliche Position nach außen. Das Geld regierte. Keine Streife hätte gewagt so einem möglicherweise einflußreichen Menschen einen Strafzettel zu verpassen. Das hätte Ärger mit dem Vorgesetzten bedeuten können. Für den "Gangster" wiederum war vollkommen klar, daß er alle kaufen konnte, und die gewalttätigen Machenschaften der Mafia sorgten dafür, daß die normale Bevölkerung vor so einem Auftreten automatisch eingeschüchtert war. Auch hier hat eine Veränderung stattgefunden. Nicht nur noch "Gangster" fahren die Luxusmarken. Immer noch dienen sie natürlich dazu, die gesellschaftliche Position nach außen zu zeigen, nur verdient hat man sich das nicht unbedingt mit kriminellen Geschäften. Eine Gesellschaft hat sich innerhalb sehr kurzer Zeit von zwei extrem unterschiedlichen Lebensanschauungen, vom Kommunismus hin zum Kapitalismus bewegt. Im Stadtbild sind nun Reliquien aus beiden Epochen zu finden. Das Zusammenspiel wird zum Alltäglichen.
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